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Fuck Up für konstruktive Fehlerkultur!

Hinfallen, wieder aufstehen und vor allem – ehrlich darüber reden

 

Alle machen Fehler. Doch selten wird offen darüber gesprochen. Wie mit Fehlern umgegangen wird, ist von Unternehmungskultur zu Unternehmungskultur und von Branche zu Branche unterschiedlich.

 

In unserer Praxis begegnen wir verschiedenen Fehlerkulturen und Entwicklungsgrade davon. Während es die einen mit ihren Transformationsvorhaben zum erklärten Ziel gemacht haben, offener und produktiver mit Fehlern, Scheitern, Abweichungen umzugehen, ist es in manch anderen Unternehmen schlicht unerwünscht und es wird darüber möglichst nicht gesprochen. Und dazwischen gibt es die Variationen von Fehlerkultur.
Da sind diejenigen Unternehmen, die gegen Aussen das Gefühl vermitteln, dass der Umgang offen damit sei, doch wenn Fehler geschehen, ist die Frage nach Verursachern – mehr oder weniger offen ausgesprochen – wichtiger, als der Wunsch, daraus zu lernen.
Wieder andere begründen überzeugt, dass sie zwar offener mit Fehler umgehen würden, doch das gar nicht möglich. Warum? „Weil bei ihnen Alles anders sei.“ Und dann gibt es noch diejenigen, die nur noch drohende Klagen kommen sehen. „Nicht auszudenken, wohin uns das rechtlich hinführen würde, wenn wir Fehler eingestehen.“ Bis zu diesen Unternehmen, denen sich die Frage nach einem bewussten Umgang mit Fehlern und die Chance nach Lernen, noch gar nicht stellt hat.

 

Selbstverständlich geht es bei der Fehlerkultur nicht darum, dass Unternehmen neuerdings Fehler bagatellisieren oder gar anstreben,

um dann daraus zu lernen oder Inspiration für Chancen zu gewinnen.
In der Praxis wird uns manchmal auch argumentiert, dass die Mitarbeitenden längst nicht so verantwortungsvoll und fähig seien, aus Fehlern lernen zu können. In diesem Fall sehen wir das Problem im Wertesystem der Unternehmung und raten zur Überprüfung des herrschenden Menschenbildes bei der Erreichung unternehmerischer Ziele. Und dass die Kriterien bei der Rekrutierung auf Aktualität geprüft werden sollten, wenn die Mitarbeitenden mehrheitlich als unfähig oder verantwortungslos wahrgenommen werden. Aber das ist eine andere Geschichte und kann ein anderes Mal erzählt werden. 

Zurück zum Thema. Fehlerkultur ist im Qualitätsmanagement schon rund 70 Jahren ein wichtig und deshalb das Thema nicht wirklich neu. Doch mit dem Anbruch des neuen Arbeitszeitalters, haben die bisherigen Gründe eine neue Dringlichkeit gewonnen. Es geht längst nicht nur darum, dass man Fehler nur im Sinne des Qualitätsmanagements oder Lean Programmen verbessert, dafür Menschen beteiligt und Kosten damit senken will.

 

Es geht um die neue Fähigkeit, trotz vorausschauender Planung ergebnisoffen zu bleiben, der Planungsunsicherheit mit Planung auf Sichtweite zu begegnen und anzunehmen, wenn Versuche scheitern oder ganz andere Ergebnisse ergeben und man deshalb glauben gewinnt, dass die Planung fehlerhaft war. 

 

Praxis-Beispiel: Die Lieferverzögerungen eines Lieferanten von „Sell-it online“ für Notebooks haben sich nach der Pandemie stabilisiert und der Onlinehandel von „Sell-it online“ bietet Kunden das Produkt mit einer Lieferfrist von 3 Tagen an.

Basierend auf der bisherigen Lieferfähigkeit und in Rücksprachen mit dem Lieferanten, bestellt die Beschafferin von „Sell-it online“ nun die neuen Modelle und lässt das Produkt – erneut mit einer Lieferfrist von 3 Tagen, ab 01.01.2023 – im Onlineshop ausschreiben.

Doch während Kunden das Produkt bereits bestellen, wird der Lieferant durch sich schärfende, geopolitische Ereignisse lieferunfähig. Der Onlineshop droht Kundenkritik, weil sie das neue Notebook-Modell nun doch nicht liefern können.

 

Ist das nun die Unzuverlässigkeit des Lieferanten? Oder die ungründliche Abklärung oder Verhandlung des Beschaffers beim Lieferanten? Wessen Fehler war es, der zu dieser Lieferunfähigkeit führte. Oder wäre es nicht angemessener den Blickwinkel einzunehmen, dass zum Zeitpunkt der Entscheidung möglicherweise andere Rahmenbedingungen herrschten und man daraus lernen sollte.

 

Dieser reale Kundenfall wurde nach den Ursachen durch alle Beteiligten analysiert. Statt Schuldzuweisungen und noch mehr Vertragsklauseln wurde ein Alternativprodukt, das auf Lager war, mit einem Rabatt von 40% angeboten. Die gewonnene Erkenntnis daraus war, nicht absehbare Schwankungen sind in der Lieferkette nicht ausschliessbar, weswegen von Anfang an eine Sonderaktion bei neuen Angeboten der Backup werden soll, statt Lieferanten/Partner in Frage zu stellen, noch mehr Vertragsklauseln zu verfassen oder gar Mitarbeitende in der Beschaffung dafür verantwortlich zu machen.

 

Wenn Rahmenbedingungen und Abhängigkeiten dynamischer bis unberechenbar werden, können Ergebnisse trotz bester Planung anders ausfallen. Diese im Eintrittsfall anzunehmen, damit zukunftsgerichtet weiterzuarbeiten, ist zielführender, als im Problem zu verharren und den Verantwortlichen für den Fehler zu thematisieren. Dementsprechend spricht man in der Szene auch von „Vorwärts-scheitern“ oder wie Samuel Beckett in seinem wohl bekanntesten Zitat sagte und Stan Wawrika sogar auf seinen Arm tätowierte: Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.

 

Es geht also um eine andere Haltung und Fehlerkultur in Unternehmen

In der Startup-SMerkblatt und grobe Anleitung für Fuck Upszene wird die Fehlerkultur aktiver gepflegt, gefördert und gefordert. Nicht, dass Fehler dort angestrebter sind. Doch anerkennt man, dass wo gehobelt wird, Späne fallen können, und aus diesen will man für künftige Fälle nicht nur als Einzelne:r lernen, sondern im Kollektiv und indem man das Negative durch Positives austauscht.

 

Für diesen leichteren und positiveren Umgang werden in der Gründerszene sogenannte Fuckup-Events veranstaltet. Dabei geht es gezielt darum, offen über die begangenen Fehler oder das eigene Scheitern zu sprechen und die daraus gezogenen Lehren vor einem Publikum zu teilen.

 

Was ist ein Fuck Up

Doch zunächst, was ist ein Fuckup? Umgangssprachlich versteht man darunter ein „Missgeschick“ oder „Fehler“. Das Konzept der Fuckup Events zielt darauf ab, offen mit diesen beruflichen Missgeschicke und Misserfolgen, Pleiten und Fehlern umzugehen. 2012 in Mexiko entstanden, ist dieses Veranstaltungskonzept mittlerweile auch in der Schweiz angekommen und erfreut sich grosser Beliebtheit in Unternehmen.

 

Wozu Fuck Ups

Ziel ist es, eine Kultur des Scheiterns einzuführen. Scheitern – fernab von Schuldzuweisungen bis hin zu (Exstenz-)Angst. Es wird als notwendiger Versuch gesehen, in der planungsunsicheren Zeit einen Weg zum Ziel zu finden.

 

Kaum ein anderes Veranstaltungsformat stellt damit die Enttabuisierung der Angstkultur in den Mittelpunkt wie die Fuck Up Veranstaltung und entwickelt es durch positive Gefühle weiter.

 

Wie läuft ein Fuck Up ab?

Eine Person, spricht auf einer inszenierten Bühne offen über ein Missgeschick – unbeschönigt oder mit der unternehmerischen Verträglichkeit ausgeschmückt. Was geschehen ist, wozu es führte und wie es dabei einem selbst ergangen ist. Was wurde daraus gelernt, was wird künftig anders und diese Erkenntnisse werden mit dem Publikum geteilt.

Während dieser Erzählung wird selbstverständlich gelacht, geschämt, eingestanden und Verletzlichkeit gezeigt. Doch wird diese Selbstoffenbarung respektiert und wertgeschätzt und durch die Anteilnahme macht man die Erfahrung zur eigenen.

 

Wirkung

Die Fehlerkultur entwickelt sich durch die regelmässige Durchführung von u.a. Fuck Ups und die damit wachsende psychologische Sicherheit der Mitarbeitenden. Es entsteht Mut, sich mit den eigenen Fehlern auseinander zu setzen und sie für das Unternehmen bewusst zu machen; Wohlwollen gegenüber Mitarbeitenden und die damit verbundene Ent-Tabuisierung ist die Grundlage für den konstruktiven Umgang damit. Selbstverständlich ohne, dass dabei Fehler zur Gewohnheit werden sollen.

 

Eine gesunde Fehlerkultur entlastet, indem weil man keine Konsequenzen fürchten muss. Davon abgesehen können Fehlerursachen inspirierend für Innovationen sein. Wer Schwierigkeiten und Fehler benennt, hilft anderen, diese zu vermeiden.

 

Wichtigster Erfolgsfaktor für Fehlerkultur: beginne bei Dir selbst

Wenn Du Dich selbst oder andere dafür verurteilst, Fehler zu machen, behinderst Du Dich und oder andere am Fortschritt.

Mal ist es die Angst, beim Vorgesetzten wegen eines Fehlers negativ aufzufallen, bei Mitarbeitenden disqualifiziert zu werden und im äussersten Fall, personelle Konsequenzen zu fürchten; Mal ist es die eigene Haltung, die daran hindert, dass das Gegenüber mit der besten Absicht handelte und die Fehlerursache tiefer liegt.

 

Praxistipp

  • Sei bereit, Kontrolle abzugeben; offen für andere gewählte Wege zur Zielerreichung zu sein oder mutig, um bei Fehlern auch die Verantwortung zu übernehmen.
  • Scheitern ist menschlich und in der VUCA-Welt eine neue Normale, mit der man steuern kann. Das eigene Scheitern nicht zu verschweigen (insbesondere als Führungskraft), schafft Vertrauen und Authentizität. Und gehe davon aus, dass unnatürliches und nicht gefühlte Eingeständnisse, einfach nur lächerlich wirken und Misstrauen erhöhen.
  • Fuck Ups sind zwar unterhaltsam und ein erster Schritt zu einem offeneren Umgang mit Fehlern, Abweichungen, Scheitern. Diese als Einzelmassnahme schaffen aber noch keine Fehlerkultur. Überlegen sie sich, welche weiteren Handlungsfelder (wie Fehlerkultur) das Management von Unternehmungsentwicklung, Innovation und kontinuierliche Verbesserung begünstigen. Denn die Angst des Versagens, sind ein hartnäckiger Gegner.
    Und nicht jedes Scheitern führt am Ende zum Erfolg, zu einem neuen, lukrativeren Unternehmen.

 

Nebst unseren Praxistipps oben, findest Du hier eine Grobanleitung für Dein Fuck Up-Event. 

Du möchtest lieber ein Fuck Up Event erleben? Dann melde Dich an unseren Praxisdialog vom 1. März 2023 an.
Hier geht’s zur Anmeldung und Infos.

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