Missverstanden: Wirksames Qualitätsmanagement erspart Zeit, Geld und Risiken
Qualitätsverständnis erfordert gemeinsames Verständnis
Bauprojekte werden zunehmend anspruchsvoller. Unterschiedliche Disziplinen arbeiten parallel, Termine sind eng getaktet, Anforderungen hoch und der Handlungsspielraum auf der Baustelle oft begrenzt. In diesem Spannungsfeld stellt sich immer wieder dieselbe zentrale Frage: Wird Qualität aktiv geführt – oder entsteht sie zufällig am Ende?
Ein wirksames Qualitätsmanagementsystem (QMS) entscheidet genau an dieser Stelle. Nicht als bürokratisches Regelwerk, sondern als strukturierender Ordnungsrahmen, der den Beteiligten schafft, Risiken zu reduzieren und die Zusammenarbeit zu erleichtern. Denn Qualität im Bau entsteht weder zufällig noch erst am Ende eines Projekts bei der Abnahme. Qualität im Bau entsteht möglichst früh, wenn Auftraggebende klar definieren, welchen Qualitätsanspruch alle Beteiligten zu erfüllen haben.
Planung, Ausführung und Steuerung richten alles daraufhin aus, was die Qualität der Ergebnisse beeinflusst – von Strukturen und Abläufen über Materialien, Ressourcen und Termine bis hin zum Umgang mit Abweichungen oder Nacharbeiten. Ein gemeinsam getragenes Qualitätsverständnis wirkt dabei präventiv: Es reduziert Konflikte, verhindert Verzögerungen und Kostenüberschreitungen und senkt das Risiko von Sicherheits- und Regelverstössen.
Ein Qualitätsmanagementsystem stellt sicher, dass Qualität nicht vom individuellen Engagement, von „bestmöglichen Bemühungen“ oder gar vom persönlichen Gutdünken einzelner Personen abhängt. Es schafft Verbindlichkeit und Nachvollziehbarkeit – für alle Beteiligten. Auch wenn Qualitätsmanagement zu Beginn mitunter als zusätzliche Bürokratie oder Kostenfaktor wahrgenommen wird, zeigt die Praxis klar: Ohne systematisches Qualitätsmanagement zahlt man mit einer anderen Währung.
Dass Qualitätsmanagement kein Thema nur für grosse oder besonders komplexe Projekte ist, verdeutlicht ein Ereignis vom Dezember 2025. Dabei geriet ein rund 80 Meter hohes Baugerüst auf einer Baustelle in Zürich in die negativ behaftete Aufmerksamkeit der ganzen Schweiz.
Ein leider gutes Beispiel, das aufzeigt, dass der Gerüstebau auf den ersten Blick zwar verhältnismässig wenig komplex zum Gesamtprojekt scheint. Doch die Folgen unterschieden sich kaum von einem anderen grossen Ereignis. Mehrere Etagen waren bereits eingebrochen, Verstrebungen massiv verbogen, und es bestand akute Einsturzgefahr. Umliegende Strassen mussten grossräumig gesperrt werden. Spezialisten von Polizei, Feuerwehr, Stadtbaukontrolle, Forensischem Institut und Suva sicherten das Gelände und nahmen Ursachenanalysen vor. Verletzt wurde niemand – das Vertrauen und der Ruf des Gerüstebauers und sonstigen Verantwortlichen steht nun negativ im öffentlichen Fokus.
Woran kanns gelegen haben? Das Gerüstereignis zeigt typische Folgen fehlenden Qualitätsmanagements. In solchen Fällen ist davon auszugehen, dass es an einem gemeinsamen Qualitätsverständnis fehlte – darüber, welche Anforderungen verbindlich für alle kompromisslos gelten – und wie diese überprüft und bei Abweichungen durch Mitarbeitende gemeldet werden müssen. Zuständigkeiten sowie Prüf- und Kontrollmechanismen waren entweder unklar, wurden nicht konsequent umgesetzt oder die Mitarbeitenden meldeten aus unterschiedlichen Gründen Gefahren wie eingesackte Etagen oder verbogene Verstrebungen nicht frühzeitig oder sie wurden nicht konsequent behandelt. Zudem war Qualität nicht ausreichend mit Arbeitssicherheit gekoppelt.
Das Ergebnis: gefährliche Grauzonen, in denen Risiken eskalieren können – mit Folgen für Sicherheit, Projektstabilität und Reputation.
Dieses Beispiel zeigt klar: Baustellen bieten kaum Raum für Improvisation. Ob grosses Infrastrukturprojekt oder vermeintlich überschaubare Teilgewerke – Qualität erfordert ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein dafür, wie etwas gemacht wird. Nur wenn dieses Verständnis geteilt ist und Prozesse sowie Kontrollen konsequent umgesetzt werden, entstehen sichere, verlässliche und erfolgreiche Bauprojekte.
Auch die sia-Normen setzen ein funktionierendes QMS voraus
Die SIA (112, 101 – 103, 118) fordert kein formales ISO-Zertifikat, wohl aber ein systematisches, projektbezogenes Qualitätsmanagement, das klar organisiert, dokumentiert und wirksam umgesetzt wird. Und auch in der sia wird Qualität, unabhängig von der Unternehmungsgrösse, als Führungs- und Projektaufgabe verstanden – nicht als Kontrollaktivität (des Ergebnisses) am Schluss.
Die SIA geht davon aus, dass Qualität dann erreicht wird, wenn:
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Anforderungen frühzeitig geklärt werden,
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Rollen, Verantwortlichkeiten und Schnittstellen eindeutig geregelt sind,
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Prozesse transparent und nachvollziehbar geführt werden,
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Entscheide dokumentiert und überprüfbar sind,
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Abweichungen systematisch behandelt werden.
Damit deckt sich das SIA-Verständnis inhaltlich stark denen eines zeitgemässen Qualitätsmanagementsystems. Während die SIA regelt, was es für Qualität und Kundenzufriedenheit braucht, regelt die ISO 9001, wie es im Unternehmen sichergestellt werden kann.
Was ein QMS für die verschiedenen Rollen im Bau leistet
Für Bauherren bedeutet ein QMS vor allem Sicherheit. Es schafft Transparenz darüber, wie die gewünschte Qualität sichergestellt wird, und bietet eine verlässliche Grundlage, um Risiken, Termine, Streit und Kosten zu steuern. In Submissionen ermöglicht ein systematisches Qualitätsmanagement eine bessere Vergleichbarkeit vom Qualitätsanspruch von Anbietenden und gibt die Gewissheit, dass professionell gearbeitet wird – gerade bei kleineren Unternehmen.
Architekten und Planer profitieren von klaren Vorgaben zur Qualität der Leistung. Wenn Anforderungen sauber definiert und Änderungen systematisch behandelt werden, reduziert das Missverständnisse über das Qualitätsniveau in der Ausführung. Die Planung bis Wahl von Materialien wird anschlussfähig und die architektonische Qualität kann sich im Bau besser entfalten.
Für Ingenieure schafft ein QM-System den Rahmen, um komplexe Normen, und weitere Anforderungen und Prüfpflichten, die die Qualität ausmachen, z.B. Termine, Planungen etc. werden nachvollziehbar , Prüfungen planbar und Risiken frühzeitig sichtbar. Das erhöht nicht nur die fachliche Qualität, sondern auch die rechtliche Absicherung.
Bauunternehmer in ausführenden Unternehmen tragen die Verantwortung, im Arbeitsalltag die vereinbarte Qualität fachgerecht, sicher und gesetzeskonform umzusetzen.
Das kann beispielsweise sein, indem sie verbindliche, klare Vorgaben über das zu liefernde Qualitätsniveau, die in Abläufen, Zuständigkeiten, Informationsflüssen, definierte Prüfungen/Kontrollen, geschulten Mitarbeitenden sicherstellen. Das führt zu weniger Fehlern, weniger Rückfragen, weniger Nacharbeit und höherer Sicherheit.
Dadurch stärkt ein QM-System die Wettbewerbsfähigkeit. Denn Auftraggebende entscheiden zunehmend nicht nur über einen möglichst tiefen Preis, sondern ersparen sich «Ärger» durch professionelle und ehrlich arbeitende Unternehmen.
Projekt- und Bauleitende schliesslich nutzen das QM-System als Führungsinstrument. Qualität wird verständlich, mess- und steuerbar, Entscheidungen sind begründet und dokumentiert und Konflikte lassen sich sachlich klären. Statt ständig reagieren zu müssen, können sie vorausschauend steuern.
Doch bereits hier bestehen Mängel. Insbesondere in Bauprojekten, Submissionen und in der Baustellenrealität zeigt sich, dass Fach- und Führungskräfte zwar täglich mit Qualitätsanforderungen konfrontiert sind, aber jeder für sich und mit wenig QM-Kenntnissen arbeitet. Noch schlimmer, Vorurteile wie «zu bürokratisch» führen dazu, dass man es als nicht nutzenbringend erachtet und sich über wiederkehrende Probleme ärgert.
Qualität und Sicherheit werden vorausgesetzt
Es ist längst kein Luxus mehr, sondern eine vorausgesetzte Anforderung an Bauunternehmen, wenn Auftraggebende qualitative und sichere Arbeit selbstverständlich voraussetzen. Ein wirksames Integriertes Management-System greift deshalb dort besonders gut, wo es mit Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz kombiniert und Synergien genutzt werden. In der Schweiz bilden Gesetze, EKAS-, Suva- oder Branchen-Vorgaben sowie die ISO 45001 eine solide Basis, während das Qualitätsmanagement die Einhaltung unterstützt.
Dieser integrierter Ansatz sorgt dafür, dass Gefährdungen früh erkannt, Massnahmen geplant und Mitarbeitende organisationsübergreifend geschützt werden. Sicherheit wird damit nicht zur Reaktion auf Unfälle, sondern zu einem festen Bestandteil der Projektführung.
Viele Auftraggebende, bzw. Submissionen, bzw. Bauherrenvertretungen verlangen heute explizit ein systematisches Qualitätsmanagement – aus gutem Grund. Komplexe Projekte, enge Termine und hohe Haftungsrisiken lassen wenig Spielraum für ungeklärte Prozesse. Ein QMS schafft Vertrauen, weil es zeigt, dass Qualität nicht dem Zufall überlassen wird.
Eine ISO-9001-Zertifizierung ist nicht zwingend erforderlich. Kann jedoch als unabhängiger Nachweis dienen, dass ein Unternehmen Qualität plant, fordert und fördert indem es sie überprüft und weiterentwickelt. Für Bauherren, Partner und Behörden bietet sie ein Mindestmass an Sicherheit und Orientierung.
Unsere 3 Praxistipps
Ein fehlendes gemeinsames Qualitätsverständnis zeigt sich im Bau sehr konkret im Projektalltag. Typischerweise führen unterschiedliche oder unausgesprochene Qualitätsbilder zu folgenden Folgen, zu denen wir Praxistipps mitgeben.
1. Qualität früh – und schriftlich klären
Reflektiere den unternehmerischen Qualitätsanspruch in jeder Tätigkeit in deiner Unternehmung. Definiere entsprechende Qualitätsziele, Rollen und Mindestanforderungen bereits in der Projektdefinition und ggf. in Submissionen.
2. Qualität im Projektalltag verankern
Regelmässige Kontrollen, kurze interne Audits/Sicherheitsbegehungen und klare Massnahmenpläne sind wirkungsvoller als umfangreiche, ungelesene Arbeitsanweisungen.
3. Externe Sichtweisen nutzen
Externe Audits wie SUVA Inspektionen, Sicherheitsbegehungen oder projektbegleitende Qualitätsunterstützung helfen, Gefahren und/oder Prozess-Risiken frühzeitig zu erkennen und Diskussionen zu versachlichen. Vorausgesetzt, es folgen danach verbessernde Massnahmen.
Ausbildung Qualitätsmanagement im Bau – praxisnah und wirksam
Wer Qualität im Bau (er)leben will, braucht Struktur – und Menschen, die wissen, wie man sie vernünftig einsetzt. Genau diese Kompetenz vermittelt die Ausbildung der Size Consens AG in Zusammenarbeit mit Bau und Wissen.
Die praxisorientierte Ausbildung zum Qualitätsmanager im Bau in 8 Tagen ist konsequent auf den Projektalltag ausgerichtet und verbindet Qualitätsmanagement mit Baupraxis, Projektführung und Sicherheit.
Sie kann modular als Einzelseminar oder als Lehrgang zum Zertifizierten QM-Beauftragten im Bau absolviert werden.
Vermittelt werden nicht nur die Grundlagen der ISO 9001, sondern auch deren Anwendung sowie die Schnittstellen zu ISO 45001 und EKAS.

